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I wish everybody could feel what we feel – Paradise Beach von Dara Brexendorf

Mittwoch, 17. Juni 2026

von Laura Klemm

Paradise Beach von Dara Brexendorf ist ein Text über eine Verschiebung, die vom Körper ausgeht, und erzählt sprachlich genau von Endometriose, Schmerzen und Gewalt.


Es sind gerade Sommerferien, als die dreizehnjährige Ada das erste Mal menstruiert. Sie hat starke Schmerzen und glaubt, alle anderen Menstruierenden seien einfach besser darin, sie auszuhalten. Also schweigt Ada und eignet sich stattdessen an, wie sie ihren Körper und sein Schmerzempfinden „ausschalten“ kann. Ada beschreibt die Erfahrungen um die erste Blutung als Verschiebung: Ihr Körper fällt aus dem Takt, aus seinem Ursprungszustand, er macht sie misstrauisch.


Fünfzehn Sommer später die zweite Verschiebung: Ada erhält die Diagnose Endometriose, wird am Uterus operiert und von ihrer Gynäkologin in eine künstliche Menopause versetzt. Alle genießen den Sommer, Ada jedoch liegt krankgeschrieben in ihrer Wohnung, hört Womb Sounds zur Beruhigung und erinnert sich während der schlaflosen Nächte an die erste Verschiebung.


Sie erinnert sich dabei vor allem an Elja. Elja ist, anders als Ada, die an der Ostsee aufgewachsen ist, nur zu Gast. Hat Ada zuvor die Sommerferien mit den anderen Einheimischen, insbesondere ihrer Cousine Lill, verbracht, kann sie nun mit Elja aus den gewohnten Mustern ausbrechen. Elja nimmt ihren Körper weniger als etwas zu Kontrollierendes wahr, sondern begegnet ihrem Körper mit Neugier: sie geht nackt baden, masturbiert häufig (und erzählt davon) oder hockt sich, wann immer sie will, hin, um Pflanzen oder Tiere zu betrachten. Aber auch gegenüber Elja verschließt sich Ada. Sie imitiert, was Elja tut, und erfindet Ausflüchte, wenn sie Schmerzen hat.


Mir bleibt vor allem die Gewalt im Gedächtnis, der die weiblichen Körper, allen voran Adas, ausgesetzt sind. Mit Einsetzen der Pubertät formen Ada und Lill ihre Körper durch sogenannte „Gegenmittel“ (gegen Haare, gegen Cellulite usw.), um zu gefallen. Als Ada dann das erste Mal mit Endo-Schmerzen konfrontiert ist, zwingt sie ihren Körper ins Funktionieren und mixt sich absurde Koffein-Drinks aus Energy-Drinks und Kaffee. Dann gibt es die Gewalt durch Jungen und Männer: Durch den Spanner, von dem sich alle erzählen, er stünde die ganze Zeit auf dem Balkon und beobachte die sich Umziehenden durch ein Fernglas, oder durch einen Freund von Lill, der Ada zu vergewaltigen versucht. Mich hat vor allem die Figur des Spanners fasziniert, der über der gesamten Szenerie zu schweben scheint, der fast übermächtig ist, weil er alles sieht, niemand aber ihn sehen kann. Man begibt sich als lesende Person in ein großes Unbehagen, vor allem dann, wenn durch die dreizehnjährige Ada erzählt wird.


Als Erwachsene fragt sich Ada nun, „ob sie in den achtundzwanzig Jahren je eine Verbindung zu ihrem Körper aufgenommen hat“ und stellt fest, dass sie lange keine Sprache für ihren Körper, ihre Schmerzen und die Gewalt hatte. Als Reaktion darauf greift der Text zu Natur-Analogien, um sich all dem sprachlich zu nähern. Bereits im vorangestellten Zitat steht die erste Natur-Analogie formuliert: Jede Frau ist ein Berg. Beizeiten wirken die Analogien etwas plakativ und erinnern mich an Posts aus 2023 aus der Body Neutrality Bubble auf Instagram. Ich entwickle ein ambivalentes Verhältnis zu den Natur-Analogien und frage mich, inwiefern sie als ausschließlich beschreibende Körper-Metaphern funktionieren können im Kontext einer Erdgeschichte, in der die Natur durch den Menschen (gewaltsam) kultiviert und zerstört wird. Der Uterus als Landschaft funktioniert, wenn ich an einen vermeintlich vom Menschen unberührten, natürlicher Erosion ausgesetzten Boden glaube, aber nicht, wenn ich mir Aufforstungen oder Kohleabbau-Gebiete vor Augen führe. Oder vielleicht gerade dann?


Diese beschreibende Erzählstimme begründet mein zentrales Hadern mit dem Text. Relativ spät im Text stellt Ada fest, dass sie lange geglaubt hat, ihre Verdrängung bezüglich ihres Körpers und seiner Menstruation „sei etwas Eigenes gewesen, eine individuelle Erfahrung, kein Nachwirken von jahrhundertealten Erzählungen“. Sehr konsequent arbeitet der Text eben damit, keine Meta-Ebene zu öffnen, um über Körper, Menstruation, (chronische) Erkrankungen und Gewalt nachzudenken. Ich frage mich aber, inwiefern diese Konsequenz nicht eine Mission gefährdet, die der Text möglicherweise erfüllen will: ein strukturelles Sprechen über weibliche Körper, ihre Empfindungen und die auf sie gerichtete Gewalt anzustoßen.


Gerade wegen der sprachlichen Feinarbeit in den Beschreibungen ist der Text jedoch auch eine eindringliche Darstellung der Erkrankung Endometriose und ein spannendes Experiment im Finden einer Literatur, die nah am Körper ist. Und besonders Adas periodisches (haha) Aus-der-Gesellschaft-Fallen durch ihre Erkrankung ist eine wichtige Erzählung, die zuvor gefehlt hat.


Paradise Beach von Dara Brexendorf
Erschienen im Eichborn Verlag, 2026
Hardcover, 256 Seiten
22€

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