Von Clara Maj Dahlke

In ihrem erstmals in den 1980ern erschienenen Roman “Die kalten Nächte der Kindheit” erzählt Tezer Özlü von einem Aufwachsen in der türkischen Provinz, vom Stadtleben in Istanbul, Paris und Berlin und Momenten von Selbst- und Fremdbestimmung darin. Dass dieser türkischsprachige Roman einer Autorin, die sowohl auf Türkisch als auch auf Deutsch schrieb, erst seit letztem Jahr wieder auf Deutsch erhältlich ist, ist schade und gleichzeitig toll, weil Deniz Utlu ihn großartig neu übersetzt und mit einem Nachwort eingeordnet hat.
“Bis zu jener Nacht, in der ich weiß, dass es keinen Gott gibt. Jetzt brauche ich nicht mehr zu beten. Ich kann denken, was ich will.” (S. 10)
Vier Kapitel sammeln sich um vier Orte: das Kindheitshaus, die Schule, die Klinik, und die Küste. An diesen Orten erlebt die Protagonistin die titelgebenden kalten Nächte, entweder zum ersten Mal oder als wieder hoch geholte Momente. Die kalten Nächte, das sind Lebensabschnitte und Zustände die nicht vergehen; besonders bleibt mir beim Lesen die Kindheitsnacht hängen, in der die Protagonistin zum ersten Mal versucht, sich das Leben zu nehmen, und daraufhin nur wenige Stunden in einer Klinik verbringt. Dieser Moment wird wiederholt, wenn sie in der Erzählung späterer (meistens durch Zwangseinweisung eingeleiteter) Klinikaufenthalte erwähnt, dass sie nie wieder so schnell entlassen werden wird wie in dieser ersten Nacht.
“Und der Wahnsinn und die Freude des Regens dringen zu mir vor, dringen in mich ein. Oft bellen dann die Straßenhunde. Und ich liege wieder in einem Haus auf dem Land oder am Waldrand. Und ich will, dass die Hunde nie aufhören zu bellen.” (S. 57)
Die kalten Nächte vergehen nicht, deshalb ist die Erzählung (zumindest gefühlt) unvermittelt, wie Deniz Utlu in seinem Nachwort betont, geht es darum, ganz nah zu sein am Moment, radikal zu vergegenwärtigen, und das gelingt Özlü sehr gut. Die Erzählweise verkörpert die beschriebenen Zustände zum Beispiel die Verwirrung, die oft eine Verwirrt-gemacht-heit ist, durch ihre Sprunghaftigkeit. Nichts ist chronologisch, alles ist präsent. Im längsten Kapitel “Das Konzert von Léo Ferré", in dem mehrere Zwangseinweisungen die Protagonistin heimsuchen, wird dieses Verfahren am deutlichsten, auf die Strecke und in seiner Intensität. Im letzten Kapitel geht es dann zwischen Sonnenuntergängen und großen Gesten leider eher unter, was mich vor allem wegen dem sonst sehr expliziten und unverschnörkelten Umgang mit Liebe und Sexualität überrascht hat. Dass das Ende sich so kitschig liest, sollte aber nicht davon abhalten, diesen Roman zu lesen, denn alles andere ist so (ein)dringlich, schön, und trotz des Erscheinungsjahrs absolut gegenwärtig. Die kalten Nächte vergehen nicht, deswegen müssen sie geschrieben werden. Und gelesen.
“Ich bin nicht mehr die, die den Verstand verliert und an einem verschneiten Tag in die Stadt rennt. Aber die Stadt ist immer die Stadt.” (S. 51)
Die kalten Nächte der Kindheit von Tezer Özlü (ü. Deniz Utlu)
Erschienen im Suhrkamp Verlag 2025
Hardcover, 112 Seiten
23 Euro