BELLA triste
 
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Leseproben aus BELLA triste Nr. 25
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Editorial von Die Redaktion

Wörter einer Ausstellung von Daniel Falb

Die Redaktion
Editorial

Diesen Herbst müssen wir BELLA gratulieren: Mit der Ausgabe, die Sie gerade in der Hand halten, hat sie die 25 erreicht! Wie wurde BELLA zu der, die sie heute ist? In diesem Editorial lassen wir mit einem kleinen glücklichen Seufzen die Jahre Revue passieren.


Treffen sich ein paar Freunde und bauen eine Bombe. | Es wird kälter, aber jetzt bin ich ja da. | Tagträume und Nachtarbeit. | Ein Zimmer im frühen Morgenlicht, Parkettboden, darauf achtzig bedruckte DIN-A4-Blätter im Quadrat angeordnet, ein paar völlig übernächtigte Gestalten über die Blätter gebeugt, vor dem Fenster: Vogelgezwitscher, das Rauschen des ersten Berufsverkehrs. | Glücklich im Auto vor der Druckerei rumlungern. | Nochmal eben vierzig kleine Päckchen in einer IKEA-Tasche zur Post bringen. | In engen Autos Richtung Leipzig fahren. | Abstimmen. Mitreißen. Auf den Kopf stellen. Durchsprechen. Euphorisieren. | Streiten über Texte, über Literatur, so sehr, dass man laut wird. | Die Zeit bei BELLA , das war die beste Zeit in meinem Leben, ernsthaft jetzt. | Eine kleine Elsterfeder! | Die charmanteste Zeitfresserin dieses Planeten. | Die Hildesheimer Bubimafia. | Kaum noch einmal wird man wohl so selbstbestimmt, so nicht-profitorientiert und so detailversessen arbeiten können. | Das von einem Redaktionsmitglied mehrfach gebrauchte Nudelveto. | Die Verliebtheit, sechstausend Klebezettel per Hand in die zweitausend Ausgaben der Nr. 22 zu setzen. | Sich leisten zu können, kein anderes Motiv zu haben als die Begeisterung. | Ich bin eine Nullnummer, ich bin die schönste Frau, die Ihnen jemals begegnet ist. Der Frühling ist eine helle Jahreszeit, eine elegante, und es ist kein Wunder, dass wir uns ausgerechnet jetzt kennenlernen. BELLA triste. | Der Betrieb kennt in letzter Konsequenz nur das Argument der Verkäuflichkeit. BELLA nur das der Leidenschaft. | Eine Oase der Freude in einer Wüste der Einsamkeit. | Wie nennt ihr euch: BELLA triste? Seid ihr schwul, oder was? | Herzensangelegenheit, Wärmeinstallation, ein Maronistand vielleicht. | Eine Baumschule in einer Welt der Waldbrände. | Mit dem Leser auf der Couch, oder mit der Freundin am See oder im Bett, da ist BELLA wirklich. | Die Lieblingstexte waren immer «andere» Texte. Die Texte, die eigentlich zu lang waren oder zu schräg, ein Stück zu unsicher oder noch nicht genug behauen. Die Monster-Essays und die Einwürfe und Zwischenrufe. Oder einfach das sechste gute Prosastück, wenn man vorher beschlossen hatte, höchstens fünf zu drucken. | Lieber ein Spezialitätengeschäft als ein Gemischtwarenladen. | E-Mails, die mir viel bedeuten: Bitte den Punkt vor dem «und» streichen. Lieben Dank. | Hat zugesaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaagt!!!!!!!!!!!!!!! | Folgende Heftbestellung wurde auf der BELLA triste Website generiert: HEFTE: #17, ADRESSE: Rainald Goetz, XXstraße XX, 10XXX Berlin. | Als die Sonderausgabe zur Gegenwartslyrik, die Nr. 17, rauf und runter besprochen wurde, hatten wir kein Geld mehr für eine Nachauflage auf dem Konto, aber Tausende von Bestellungen im Maileingang. | Die Lieblings-BELLA ist immer die, die gerade frisch aus dem Druck kommt. | Der schönste Moment, es gibt ihn drei Mal im Jahr: Wenn die Dame von Welt aus der Druckerei kommt, die Druckerschwärze noch frisch. Wie der Lack riecht. Wo die ersten Fehler blinzeln. | PROSANOVA ist mit Sicherheit das erste Literaturfestival, das von der Polizei gestürmt und aufgelöst wurde. | Taschenweise Fördergelder, tonnenweise Blumenerde, tütenweise Saat, wannenweise Kaltgetränke, gigavoltweise (An-)Spannung hängen an einer einzigen Steckdose gleich neben den öffentlichen Toiletten. | Dionysisch, dionysisch. | Ich glaube seit PROSANOVA ein gutes Stück fester an die Welt (und Hildesheim)! | Wir sprachen von der Japaner-Strategie (erfolgreiches Produkt hemmungslos kopieren, anschließend optimieren und überholen): Wir bewunderten die EDIT, eine bessere Zeitschrift schien undenkbar. | Mit wenigen Mitteln – und beinahe aus dem Stegreif – etwas Bleibendes, Bewegendes schaffen. | Those were the golden years. | Und wir hatten Glück: Eine Woche nach dem Rammstedt-Abdruck in Ausgabe Nr. 1 gewinnt Rammstedt mit dem gleichen Text den open mike. In der FAZ erscheint eine Fettecke über eine neue Zeitschrift out of Hildesheim. Kurz darauf eine Mail von Jana Hensel, Vorstandsvorsitzende des EDIT -Aufsichtsrats: Dazu, eine Literaturzeitschrift zu machen, gehören Eigenständigkeit und Kreativität. Ich bitte Sie, diese Eigenschaften in Zukunft stärker unter Beweis zu stellen. | Zehn Kilo Papier, Spaghetti, Bier, eine Tonne Liebe. | BELLA muss man glauben. | Sie wird sich immer wieder neu erfinden. Sie schnallt sich einen Luftballon um und lässt sich mal wieder treiben.


Danke an alle, alle, alle. Freunde, Leser, Autoren und Kritiker. Mit Apfel-Zimt-Punsch stoßen wir an auf die vergangenen und die nächsten 25 Ausgaben.
Kommen Sie gut durch den Winter!

Die früheren und die aktuellen Herausgeberinnen und Herausgeber der BELLA triste: Paul Brodowsky, Martin Bruch, Clara Ehrenwerth, Andrea Franke, Lin Franke, Nikolas Hoppe, Matthias Karow, Florian Kessler, Thomas Klupp, Martin Kordić, Victor Kümel, Marcel Maas, Stefan Mesch, Sebastian Polmans, Lisa-Maria Seydlitz, Wiebke Späth, Julia Therre und Katrin Zimmermann.

An dieser Stelle verabschieden wir uns von Andrea Franke als langjähriger Wegbegleiterin. Ihr Herz, das immer für BELLA schlagen wird, ihre unverkennbare Stimme und auch ihr Blick, der manchmal tiefer drang als jeder andere, all dies vermissen wir schmerzlich. Wir winken mit unseren Taschentüchern, cosita!

 

 

 

Daniel Falb
Wörter einer Ausstellung

Gefragt, geschnitten und editiert von Clara Ehrenwerth

Die weiße Wand gegenüber; daran hängt der Ausdruck einer Fotografie. Sie zeigt die phantastische, ganz aus Lehm gebaute Zitadelle von Bam, die 2003 bei einem Erdbeben zerstört wurde. | Die Gegenstände sind im Einzelnen vollkommen austauschbar. Dieser Joghurt oder jener identische Joghurt: egal. Dieser Tisch oder jener baugleiche Tisch: egal. Dieses bestimmte Erbstück oder jenes andere identische Erbstück: egal. | Ich vertrete mit meinen Textenkeine These, genauso wenig wie der Handwerker, der einen Stuhl herstellt, eine These vertritt. Dabei ist dieser Mann vielleicht sehr eloquent im Gespräch über Stühle, aber das macht ihn nicht zum Handwerker, sondern ggf. zum Schwätzer. | Die Praxis des Gedichteschreibens kann wie eine Tierart behandelt werden, die sich fortpflanzt und schleichend mutiert: Ihr Stammbaum, ihr Verbreitungsgebiet, ihre Unterarten können nachgezeichnet werden. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Lebensraum einer Tierart eine gegebene biologische Nische ist, während der Lebensraum der Praxis des Gedichteschreibens wiederum eine andere Tierart ist: Ihr Lebensraum sind nämlich die menschlichen Körper, häufig zunächst die Körper pubertierender Gymnasiasten. | Das Produkt erhält erst den letzten finish in der Konsumtion (Marx 1857). D. h., nur der gekaufte und gelesene ist der vollendete Text. Oder nicht? Kann nicht auch der nach der Niederschrift unmittelbar zerstörte Text vollendet gewesen sein (und wird es ewig bleiben)? Wenn nämlich das Telos des Textes gar nicht im Gelesen-Werden besteht? Denn so ist es doch? Dem Text sind die Leser und erst Recht die Käufer vollends egal? | Glücklicherweise ist das Personalpronomen «Ich» einer der leersten Ausdrücke der Sprache überhaupt, fast so leer immerhin wie die Konjunktion «und». | Das Geschäft des Schreibens lyrischer Texte hat mit Sehnsucht — wonach auch immer — nun wirklich überhaupt nichts zu tun, sondern einzig allein mit der Konstruktion ästhetischer Objekte. Also mit Erfüllung, nicht Sehnsucht. | Kürzlich habe ich die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gelesen. Das gelegentlich der Lyrik zugeschriebene, hier aber schwer zu bestimmende Charakteristikum der «Genauigkeit » trifft viel eher auf Rechtstexte zu, denn einerseits sind Rechtstexte zumeist hochpräzise Kompromisse zwischen rivalisierenden politischen Positionen, andererseits müssen sie präzise sein, denn sie zielen ja darauf, Verhalten so genau wie möglich zu programmieren. Darüber hinaus sind Rechtstexte ästhetisch in einem Maße, das auch die Lyrik nur selten erreicht. | Grenzpunkte und Grenzgebiete sind keine per se interessanten Örtlichkeiten — und wer allzu sehr vom Grenzgang eingenommen ist, hat keine Aufmerksamkeit mehr dafür, was im Kernland passiert. | Viel eher als das Randständige entzieht sich das Selbstverständliche und Evidente dem Blick: wie das Auge sehend durch sich hindurchsieht. | Konzentration bzw. die in ihr gelegene Fokussierung im falschen Moment kann alles zerstören; das Fehlen von Konzentration im falschen Moment lässt mich umgekehrt mit tausend losen Enden zurück. | Diese Zeilen, die Brahms als Liedtext verwendet hat: Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; / wie dies stirbt, so stirbt er auch; / und haben alle einerlei Odem; / und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh: / denn es ist alles eitel. Vielleicht ist dies ernsthaft als Einsicht in die conditio humana gemeint. Vielleicht ist es aber auch einfach nur schreiend komisch. | Wenn ich sage «Mir ist heiß», dann ist das teils Artikulation einer körperlichen Befindlichkeit, teils aber auch Zitat einer geläufigen Äußerung — wie wenn ich bei geeignetem Anlass ein Sprichwort zum Besten gebe. | Was gehört nicht mehr zum Schreiben? Was gehört nicht mehr zum Essen? Was gehört nicht mehr zum Atmen? Was gehört nicht mehr zum Spazierengehen? Was gehört nicht mehr zum Verbrechen? Was gehört nicht mehr zum Stoffwechsel? What the heck? Ich sage: «zum Schreiben» «gehört» «nicht mehr»: der fertige Text. | Es ist grundsätzlich möglich, den Text als durchweg nicht gemeint, sondern als bloße Ausstellung von Wörtern zu verstehen — und genau hierfür würde ich plädieren: Wörter einer Ausstellung. | Es reicht nicht, wenn der Text interessant ist in dem, was er sagt (Thesen, Meinungen, Haltungen etc.) — sondern er muss interessant sein in dem, was er tut und ist. So jedenfalls mein Credo. | Alles, was ausgetauscht werden kann, ohne einen Unterschied zu machen, kann gerne ausgetauscht werden.

 

 

 

TREFFEN Poetiken der Gegenwart